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Sollen Züge rauchfrei sein?

Gastkommentar von Jürg Hurter in der Basler Zeitung vom 16.10.2004.

Quelle: www.baz.ch

Soll man seinen privaten Dreck auf Schritt und Tritt fallen lassen? Gedankenlos oder bestenfalls in der Hoffnung, irgendein Knecht räume ihn weg und ein Dummer bezahle dafür?

Tabakrauch ist privater Dreck. Der hat in der Öffentlichkeit nichts verloren. Also sollen Züge rauchfrei sein. Zu diesem Schluss kommt man auf unkomplizierte Weise: Man nimmt Vernunft und Anstand als Massstab.

Doch wenn es um Tabak geht, wird verbissen gegen Vernunft und Anstand agitiert. Geschäftemacher und «Volks»vertreter und Lobbyisten zittern um ihre Pfründe. Sie zerren jedes noch so untaugliche Argument an seinen schütteren Haaren herbei. Sie missbrauchen grosse Worte. Sie pfuschen ohne oder wider besseres Wissen ein wackliges Gerüst zusammen, das «beweisen» soll, das Verdrecken öffentlichen Raumes sei angemessen und im Interesse der Wirtschaft. Ihrer eigenen, um genau zu sein.

Ein besonderes Ärgernis sind dabei die Tabakindustriellen und
-händler. Sie führen grossmundig alle möglichen fadenscheinigen Erklärungen an. An einer Schweizer Universität hat ein Tabakmulti einen Wissenschaftler fürs Fälschen von Daten bezahlt. Die Tabakwirtschaft stellt die rauchfreie Umgebung als Untergang der Zivilisation im Allgemeinen und der Eidgenossenschaft im Besonderen dar. Doch was ihr wirklich wichtig ist, verschweigt sie: Sie will Kohle machen mit Süchtigen, auf unsere Kosten, auf Kosten der Allgemeinheit – und sie ist nicht Manns genug, das zuzugeben.

Das zweite besondere Ärgernis sind die Bundesbahnen. Sie üben sich in Schönfärberei und behaupten, im Nahverkehr seien über 90 Prozent der Sitzplätze rauchfrei. Das stimmt nicht. Es überfordert die Bundesbahnen, den Rauch konsequent in separaten Wagen zu konzentrieren. Über undichte Türen und unbedarft konstruierte Lüftungen und Klimaanlagen werden ganze Züge verpestet. So geben unsere Bundesbahnen ihre knappen Mittel in Millionenhöhe für Reinigung und Reparaturen aus. Sie nehmen hin, dass Raucherwagen häufiger vandalisiert werden und zucken mit den Schultern, wenn sich Reisende über stinkende Abteile beschweren.

Und die Raucher? Um die geht es doch im Grunde gar nicht. Die wissen, dass sie von der Tabakindustrie betrogen werden. Die meisten gäben viel, gewönnen sie ihre Freiheit zurück. Raucher rauchen, wenn man ihnen einen Aschenbecher vor die Nase setzt. Sind Züge, Schulen, Kinos, Restaurants, Trams und Flugzeuge rauchfrei, rauchen sie eben nicht. Das zeigt sich überall dort, wo man den Tabaklobbyisten den Weg und die Tür gewiesen und Anstand und Vernunft eingeführt hat.

Die Diskussion um rauchfreie oder verraucht-schmutzige Züge wird nur von einer Seite angeheizt – von der Tabakindustrie und ihren Zudienern. Die wollen ein tödliches Produkt vermarkten. Dazu müssen sie das Verbrennen von Tabak als etwas Normales und Alltägliches, gar Erstrebenswertes darstellen – und nicht als Giftschleuderei. Das gelingt ihnen nur, wenn überall geraucht wird. Auch in Zügen und auf Kosten der Allgemeinheit.

In einem freien Land darf man sich selbst versklaven. Man darf sein Wohnzimmer verdrecken. Man darf sich selbst umbringen. Mitmenschen aber sollen nicht mitleiden und nicht dafür bezahlen. Deshalb sollen Züge rauchfrei sein.

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